Erste Wandlungen in den Fünfzigern
Nachdem es Anfang der Fünfziger wegen des Ölfeldes in Xinjiang und
wegen eines sowjetischen Spielfilmes erste Streitigkeiten gab, hatte
sich das Verhältnis zur Sowjetunion gewandelt. Es kam immer mehr
zu Widersprüchen. Wegen der wirtschaftlichen und technologischen
Abhängigkeit zur Sowjetunion legte man zwar weiterhin Wert auf
freundschaftliche Beziehungen zur Sowjetunion, sympathisierte
aber insgeheim mit der Position Jugoslawiens. Im Laufe der Jahre
wurden die Auseinandersetzungen größer. Nach dem Tode Stalins und
dem Machtantritt Chruschtschows hat sich die Situation allmählich
verschärft. In der Volksrepublik China war man gezwungen gewesen,
sich mit seiner Geschichte zu befassen und sich auf seine Fähigkeiten
zu besinnen. So wurde der "Große Sprung nach vorn" ein Akt der Ver-
zweiflung, als die Sowjetunion ab 1960 ihre Hilfe völlig einstellte.
Auch entwickelte sich mit der Zeit eine andere kommunistische Ideo-
logie, die während der "Großen Proletarischen Kulturrevolution" ihren
Höhepunkt fand. Es wurde nunmehr auf das Selbstbestimmungsrecht der
Nationen Wert gelegt und ein jeder Versuch des Kolonialismus verur-
teilt. So berief man sich auf W. I. Lenin, der in einem seiner Werke
das Selbstbestimmungsrecht der Nationen mit dem ausschließlichen Recht
auf Unabhängigkeit im politischen Sinne, auf die Freiheit der politi-
schen Abtrennung von der unterdrückenden Nation verband (Ausgewählte
Werke, Seite 173) In den Sechzigern entdeckte man in der Sowjetunion
das Aufkommen einer neuen Bourgeoisie, der sich zum Hegemonismus ent-
wickelt hätte. So würde man die Losungen der nationalen Befreiung be-
ständig missbrauchen, um die Arbeiter zu betrügen. In der äußeren Po-
litik bemühe man sich um eine Verständigung mit den wetteifernden im-
perialistischen Regierungen, um ihre räuberischen Ziele zu verwirkli-
chen (Seite 175). Dieser Standpunkt wurde vor allem nach der Unter-
zeichnung des Moskauer Vertrages über die teilweise Einstellung der
Kernwaffenversuche in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser
am 05. August 1963 durch die USA, UdSSR und Großbritannien einge-
nommen. Man sah hier ein Signal in der nuklearen Bedrohung durch
die Sowjetunion.
Josef Theobald