Zheng Guanying und die Notwendigkeit von Wirtschaftsreformen
In den letzten Jahrzehnten der Qing-Dynastie gab es in China Persön-
lichkeiten, die für grundlegende Wirtschaftsreformen eintraten. China
war als halbkoloniales Land in die wirtschaftliche Abhängigkeit fremder
Mächte geraten und es waren sowohl politische als auch wirtschaftliche
Reformen von Nöten, um China gegenüber dem Ausland wettbewerbsfähig machen
zu können. Zheng Guanying (1842-1923) gehörte zu diesen Personen und verwies
stets auf Japan, wo politische Reformen erfolgreich im Rahmen der
Meiji-Restauration unternommen wurden. Das Kaiserreich Japan wurde zu einer
konstitutionellen Monarchie. Doch die innenpolitische Situation Chinas
(Zustand im Würgegriff ausländischer Interessen, Unfähigkeit der konfuzi-
anischen Staatsdoktrin für politische Reformen) ließ jede Möglichkeit
hierfür scheitern.
Zheng war einige Jahre als Komprador in mehreren Branchen tätig gewesen,
bevor er eine leitende Tätigkeit in verschiedenen chinesischen Wirtschafts-
unternehmen ausübte oder in anderen staatlichen Sektoren tätig war. Der Begriff
"Komprador" ist dem angelsächsischen Sprachgebrauch entnommen.
Es ist eine Germanisierung des Terminus "Comprador" und meint "a Chinese
business agent of a foreign company" (The Concise Oxford Dictionary of
Current English, Seite 273), das man für deutsche Verhältnisse mit
Geschäftsführer einer chinesischen Handelsvertretung, die ein
Tochter-unternehmen einer ausländischen Handelsniederlassung darstellt,
übersetzen könnte. In der Staatlichen Chinesischen Schifffahrtsgesellschaft AG
mit
Sitz in Shanghai hatte er eine leitende Position innegehabt. Auch als
diese Gesellschaft privatisiert wurde, war er mehrmals hier tätig gewesen.
So lernte er die dortigen Zustände kennen. In der Konsequenz forderte er
eine qualifizierte Aus- und Weiterbildung des chinesischen Schiffspersonals
in nationaler Verantwortung, zunächst durch die Hinzuziehung ausländischer
Experten. Dadurch versprach er sich eine bessere Wettbewerbsfähigkeit.
Später forderte er für sein Land ein fortschrittliches Handelsrecht, um
chinesische Wirtschaftsunternehmen besser vor staatlicher Bevormundung
und ausländischer Konkurrenz schützen zu können.
Schließlich forderte Zheng eine Reform der kaiserlichen Beamtenprüfung,
die künftig auch das Vorhandensein wissenschaftlicher Kenntnisse abfra-
gen sollte. Darauf aufbauend plädiert er für eine grundsätzliche Reform
des Bildungswesens, die den Absolventen einer Mittelschule entweder zum
Studium an einer Universität oder an einer Fachschule führen soll. Hierbei
schwebte ihm die Aneignung westlicher Technologie vor, auch in Verbindung
mit Auslandsaufenthalten. In diesem Zusammenhang sei die Einführung einer
allgemeinen Schulpflicht unverzichtbar. Als Beispiel hierfür nannte er
Deutschland.
Die von Zheng gemachten Vorschläge konnten erst viele Jahre später
realisiert werden. Sie wären aber nach seiner Meinung Bedingung da-
für, dass China innerhalb der Staatengemeinschaft ein größeres Ge-
wicht bekommen würde.
In den späteren Lebensjahren war Zheng in politischer Mission unter-
wegs. Diese trieb ihn bis nach SO-Asien. Dort lernte er die damaligen
Verhältnisse in Kambodscha, Thailand und Vietnam kennen. Das war zu
einer Zeit, als Frankreich in dieser Region seine Expansionspolitik
vorantrieb.
Josef Theobald