Die Kolonialisierung Chinas aus beider Sicht
Im späten 19. Jahrhundert bestimmten die Mächte, die die Aufteilung
Chinas unter sich vorbereiteten, ihre respektiven "Einflusssphären"
auf chinesischem Boden. Das Yangtse-Tal und Tibet wurden Großbritan-
nien zuerkannt. Die Mandschurei und die Mongolei wurden dem zaristi-
schen Rußland zur Verfügung gestellt. Das südwestliche China sollte
das Amtsgebiet von sowohl Großbritannien als auch Frankreich werden.
Die Provinz Fujian wurde Japan anvertraut, und die Provinz Shandong
Deutschland.
Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg machte die USA eine rasche innere
Entwicklung durch, die sie in die Lage versetzte, die älteren Mächte
in der Produktion zu überholen. Auch fing man an, territoriale Inter-
essen außerhalb des Landes zu definieren. Erstes Ziel war Kuba. Später
kamen die Philippinen und die Insel Guam dazu. Im Jahre 1899 verkündete
der US-Staatsekretär John Hay die berühmte Doktrin der "Offenen Tür" nach China.
Der Hintergrund war die Forderung, dass faktisch allen Ländern in jeder
"Einflusssphäre" oder in jedem "Pachtgebiet" der Handel offen stehen müsse.
Dabei vertraute man auf die Stärke des US-Dollar, die mittelfristig
die gegenwärtig rivalisierenden Mächte politisch und militärisch verdrängen
würde.
In Deutschland wurde die Nostalgie der Kolonialisierung lange hoch-
gehalten. In den Zwanziger Jahren hat man stets betont, es sei die
Absicht Deutschlands gewesen, die Kolonien zu einem wirtschaftlich
leistungsfähigen Gebilde zu machen. Das Vorliegen imperialistischer
und militärischer Absichten wurde stets verneint. Ich verweise nur
auf das Buch "Die deutschen Kolonien in Wort und Bild" (Nachdruck
2003) und speziell auf die Seiten 12 bis 19, wo "Der deutsche kolo-
niale Gedanke" ausführlich erläutert wird.
In den frühen Fernsehjahren hat sich der heutige Kölner Schriftsteller
Ralf Giordano stets kritisch zur Kolonialpolitik Deutschlands geäußert.
Als besonders negativ bezeichnete er die in den deutschen Kolonien
praktizierte Prügelstrafe schon für einfache Vergehen. Auch kamen
Stimmen zu Wort, die eine andere Sicht zulassen. Deshalb habe ich
stets betont, dass man die Literatur aus der Kolonialzeit und später
immer kritisch sehen muss. Das genannte Werk ist zwar lesenswert.
Man darf aber nicht die Tatsache aus dem Auge verlieren, das es
aus der Sicht eines Kolonisten geschrieben wurde. Der Betroffene
in den Kolonien kommt hier dabei nur am Rande vor, als jemand,
der sich mit den gegebenen Verhältnissen arrangiert hat. Als
bezeichnend sehe ich die Anmerkung auf der Seite 506, wo es
heißt, dass nach der Revolution von 1911 zahlreiche z. T. sehr
hohe chinesische Beamte des alten kaiserlichen Regimes in Qingdao
Zuflucht vor den Erpressungen der Revolutionäre gesucht und gefunden
haben. Auch zwischen ihnen und den Deutschen hat sich schnell und leicht
ein freundlicher Verkehr angebahnt.
Josef Theobald